Anders als bei den anderen Glaubensüberzeugungen kommentiere ich hier nicht die Bibelverse, auf die sich dieser Punkt stützt. Denn warum soll ich überzeugt werden, die Bibel sei die alleinige Heilige Schrift mit Autorität, allein durch Passagen, die ausschließlich in der Bibel zu finden sind?

Nun, machen wir ein Experiment: Ich sage jetzt hier mit Kraft und Weisheit, dass ich diese Abhandlung von Gott erhalten habe und dir, lieber Leser weitergebe, auf dass du Lehren daraus ziehen und schlussendlich gerettet werden kannst. Du glaubst es nicht? Das liegt daran, dass Papier als auch das Internet geduldig ist und ich alles schreiben kann, was mir in den Sinn kommt. Mir bleibt also nichts anderes übrig als schlüssig darzulegen, wie ich zu den Überzeugungen gekommen bin, die ich dir hier darlege.

Die erste Glaubensüberzeugung der Siebenten-Tags-Adventisten nun behandelt die „Heilige Schrift“. An dieser Stelle betrachte ich, wie konkret sich die Sichtweise der Adventisten mit der Realität deckt.

Gut, dass Adventisten gleich im ersten Satz den Begriff „Heilige Schrift“ auf „Altes und Neues Testament“ deuten, was zumindest impliziert, dass es sich um die Bibel handelt. Sonst hätte ich die Frage gestellt, welche Heilige Schrift gemeint ist. „Heilige Schriften“ gibt es viele: Die Veden oder die Bhagavadita, der Guru Granth Sahib, die Avesta, Dianetik oder das „Evangelium des Fliegenden Spaghettimonsters", um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Heilige_Schriften) nennt Merkmale heiliger Schriften:

  1. Die Schrift gilt als normativ, d. h., Glaubensfragen, ethische Fragen oder rituelle Fragen werden durch Berufung auf die heilige Schrift entschieden, womit eine letztgültige Entscheidung vorliegt (siehe auch Dogma).

  2. Die Schrift wird wörtlich zitiert im Gottesdienst, im Kult oder Ritual und spielt dort eine zentrale oder grundlegende Rolle.

  3. Die heilige Schrift wird als zentrale Schrift, zentrale Referenz oder als Dokument der Religionsgründung angesehen.

  4. Es gibt eine Schriftauslegung und Interpretation, manchmal gibt es Richtungen und Schulen um verschiedene Möglichkeiten der Auslegung.

  5. Die Schrift ist mit dem Religionsstifter verbunden, oder dem Gott, bzw. den Gottheiten, die diese Schrift besonders inspiriert haben. Häufig gilt sie als wesentliches Dokument der Lehre des Religionsstifters oder als von Gottheiten offenbarte Schrift.

  6. Die Schrift bildet einen Kanon.

  7. Die Schriften sammeln als authentisch geltende Überlieferungen, Erzählungen, Offenbarungen, Liedgut, Ritualistik, Weisheitstexte.

  8. Häufig gelten die heiligen Schriften als das älteste Zeugnis einer Religionsgemeinschaft.

  9. Die heiligen Schriften spielen in der Frömmigkeit eine besondere Rolle, durch eine verehrende und liebende Lesung und Rezitation. Kunst, Ethik, Musik und Erzählungen einer Religion sind zentral von diesen Schriften inspiriert.

  10. Heilige Schriften werden oft als archetypisch präsent in einer himmlischen oder jenseitigen Welt angesehen, so gibt es auch häufig die Vorstellung, die Schrift habe schon vor ihrer weltlichen Niederschrift existiert und sei dann offenbart worden.

  11. Heilige Schriften werden von Religionsgemeinschaften oftmals von anderen religiösen Schriften unterschieden, sie haben dann einen höheren Wert als die übrige religiöse Literatur, auch im qualitativen Sinne.

  12. Für den Umgang mit heiligen Schriften gelten oft besonders respektvolle Regeln, so dass sich heilige Schriften von anderen Gegenständen der Buchkultur deutlich abheben.

Im Prinzip kann man diese Auflistung so stehen lassen. Ich möchte an dieser Stelle nur auf den 4. Punkt eingehen: „Es gibt eine Schriftauslegung und Interpretation, manchmal gibt es Richtungen und Schulen um verschiedene Möglichkeiten der Auslegung.“ Das heißt doch nichts anderes, als dass man in die heilige Schrift alles mögliche hineininterpretieren darf – und was man darf, wird auch getan.

Für das Christentum folgen aus den unterschiedlichen „Richtungen und Schulen“ unterschiedliche „Konfessionen“ genannte Glaubensrichtungen. Große Unterschiede bezüglich des biblischen Kanons bestehen:

a) zwischen Ost- und Westkirchen, also zwischen Orthodoxie und Katholizismus. Hier gibt es so große Diskrepanzen, dass ich diese hier gar nicht alle aufzählen kann.

b) zwischen Katholizismus und Protestantismus (Protestanten lassen gerne die von ihnen als Apokryphen bezeichneten Bücher und Abschnitte weg)

Eine gute Gegenüberstellung findet sich bei Wikipedia unter wikipedia.org/wiki/Kanon_(Bibel).

Ich möchte hier gar nicht auf die geschichtliche Entwicklung der verschiedenen Kanon-Versionen eingehen – hier gibt es genug Literatur, in der dieses Thema umfassend behandelt wird. Wichtig ist für diesen Artikel nur, dass es verschiedene Versionen christlicher heiliger Schriften gibt. So homogen oder universal wie Adventisten ihre Bibel gerne hätten, ist sie also gar nicht.

Adventisten sehen die protestantische Bibel als „höchste, maßgebliche und unfehlbare Offenbarung seines [=Gottes] Willens.“ In der Archäologie findet man immer wieder alte Fragmente biblischer Schriften. Unter anderem sind die Höhlen am Toten Meer wie beispielsweise Qumran berühmt dafür, dass dort biblische Schriften gefunden wurden. Nur decken sich die Wortlaute oft nicht mit dem von Christen oft fälschlicherweise als „Urtext“ bezeichneten masoretischen Text. Moderne Bibelausgaben weisen auf diese Diskrepanz hin, wenn sie in Fußnoten zu bestimmten Bibelversen oder -abschnitten auf „andere (oder alternative) Lesart“ verweisen, teilweise mit Hinweis, dass dies „ältere Handschriften“ sind.

Ein Beispiel finden wir in Deuteronomium, Kapitel 32. Dort heißt es in den Versen 8 und 9:

8 Als der Höchste den Völkern Land zuteilte und der Menschen Kinder voneinander schied, da setzte er die Grenzen der Völker nach der Zahl der Söhne Israels[1]. 9 Denn des HERRN Teil ist sein Volk, Jakob ist sein Erbe.

Folgt man nun der Fußnote [1] nach „Israels“, so liest man: „Andere Überlieferung: »nach der Zahl der Söhne Gottes«.“

Welche Textvariante ist nun die eine „von Gott inspirierte Textfassung“? Der Masoretische Text, der etwa 1000 Jahre alt ist oder der Text, der auf einem Fragment ca. 2000 Jahre überdauert hat? Ich unterstelle übrigens niemandem hier Verfälschung des Textes. Meine Kenntnis der Hebräischen Sprache ist nicht ausreichend, um mir hier ein Urteil erlauben zu dürfen.

Dazu kommt, dass jede Übersetzung eine Interpretation ist, meist gefärbt von einer vorgefestigten Meinung von der Textaussage. So wird beispielsweise das hebräische „tsaphon“ (so zumindest eine Transskription) in den deutschen Übersetzungen immer als „im (fernsten) Norden“ übersetzt – auch wenn es nicht passt.

In Jesaja 14:13 beispielsweise heißt es nach der neuesten Überarbeitung der Luther-Bibel: „[…] ich will mich setzen auf den Berg der Versammlung im fernsten Norden [1].“ Folgt man der Fußnote, so liest man: „Der Sitz der Götter“. Dass der „Berg der Versammlung“ einen Namen hat, nämlich „Zaphon“, geht im Übersetzungschaos unter. Dabei steht er im Hebräischen deutlich auch für einen Laien klar erkennbar da. Klar, dieser Berg liegt nördlich von Israel, sodass im Laufe der Zeit „Zaphon“ im Hebräischen wohl zum Synonym für „Norden“ wurde. Aber trotzdem muss man gerade beim Übersetzen aufpassen, ob nicht eine Ausnahme vorliegt und eventuell der Berg gemeint ist und nicht die Himmelsrichtung!

Beide Textstellen deuten übrigens Relikte eines biblischen Polytheismus an, in denen Elyon der höchste Gott ist und YHWH einer seiner Söhne. Aber das wird ein Thema in „Glaubensüberzeugung 2: Der Vater“ sein.

Bereits die Verfasser des griechischen Teils der Bibel, von Christen „Neues Testament“ genannt, verwendeten eine griechische Übersetzung (die viel gerühmte Septuaginta, abgekürzt mit den römischen Ziffern LXX für 70) des hebräischen Bibelteils, genannt Altes Testament. Dass dies problematisch ist, zeigt sich zum Beispiel in der Deutung von Jes 7:14 „Darum wird euch der Herr selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau[2] ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel[3].“ Folgt man der Fußnote [2], so kann man „wörtlich: »junge Frau«“ lesen. Im ersten Evangelium Mt 1:23 wird dieser Vers wie folgt zitiert: „»Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben«, das heißt übersetzt: Gott mit uns.“

Das hebräische „almah“, das in Jesaja 7:14 steht, kann zwar „Jungfrau“ heißen, ist aber wie in der Fußnote angegeben besser mit „junge Frau“ übersetzt. Das Wort παρθένος (transscribiert „parthenos“), verwendet sowohl in der LXX (Septuaginta – eine griechische Übersetzung des sog. Alten Testaments) als auch in Mt 1:23, bedeutet jedoch tatsächlich und ausschließlich „Jungfrau“.

Und dann gibt es natürlich auch noch Widersprüche in der Bibel, die sich nicht durch Abschreib- oder Übersetzungsfehler erklären lassen. Ein klassisches Beispiel ist der Stammbaum Jesu. Sowohl das erste als auch das dritte Evangelium geben einen Stammbaum zur Person Jesus von Nazareth wieder, die sich nicht nur in der Länge, sondern auch durch die Namen der Ahnen Jesu unterscheidet. Christen versuchen regelmäßig, diese Widersprüche dadurch wegzuerklären, dass sie den einen Stammbaum auf Josef, den anderen auf Maria deuten. Jedoch führen beide Texte klar zu Josef, dem Verlobten der Maria. Zum Nachlesen: Mt 1 und Lk 3:23 ff.

Mit einem Satz innerhalb der ersten Glaubensüberzeugung habe ich allerdings massive Schwierigkeiten: „In diesem Wort hat Gott dem Menschen alles mitgeteilt, was zu dessen Errettung nötig ist.“

Eigentlich habe ich nur mit einem Wort in diesem Satz Probleme: „Errettung“. Errettung wovon? Das erinnert mich an diese bestimmte Karikatur: zu sehen ist ein Mann – offensichtlich handelt es sich um Jesus – der an eine Tür klopft. Von Innen fragt jemand: „Wer ist da?“ Antwort: „Jesus. Lass mich herein!“ – „Was willst du?“ – „Ich bin gekommen, um dich zu retten!“ – „Wovon?“ – „Vor dem, was ich dir antun werde, wenn du mich nicht einlässt!“

Mein Fazit ist: Die Bibel ist sicherlich eine faszinierende Sammlung antiker Schriften. Ein göttlicher Einfluss oder Inspiration lässt sich meines Erachtens nicht feststellen. Dennoch ist sie insofern interessant, um frühere Kulturen zu verstehen und damit auch die Ursprünge der Moderne. Keinesfalls sollte man aber sein Handeln an der Bibel oder anderen Heiligen Schriften ausrichten, denn diese sind auch nur von Menschen geschrieben. Und obgleich dein Pastor gebetsmühlenartig betont, dass die Bibel frei von Widersprüchen sei, lassen sich doch eben solche Widersprüche feststellen, gerade wenn es um zentrale Glaubensthemen wie beispielsweise die Geschichten zu Passion, Tod und Auferstehung Jesu. Und gerade hier sollte es doch im Sinne des „Inspirationsgebers“ sein, dass die Texte in den Evangelien sich nicht widersprechen!

 

„Die Heilige Schrift – Altes und Neues Testament – ist das geschriebene Wort Gottes, durch göttliche Inspiration heiligen Menschen anvertraut, die geredet und geschrieben haben, getrieben vom Heiligen Geist.

In diesem Wort hat Gott dem Menschen alles mitgeteilt, was zu dessen Errettung nötig ist. Die Heilige Schrift ist die unfehlbare Offenbarung seines Willens. Sie ist der Maßstab für den Charakter und der Prüfstein aller Erfahrungen. Sie ist die maßgebende Offenbarungsquelle aller Lehre und der zuverlässige Bericht von Gottes Handeln in der Geschichte.

Ps 119,105: Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.

Spr 30,5–6: Alle Worte Gottes sind im Feuer geläutert; er ist ein Schild denen, die auf ihn trauen. 6 Tu nichts zu seinen Worten hinzu, dass er dich nicht zurechtweise und du als Lügner dastehst.

Jes 8,20: Hin zur Weisung und hin zur Offenbarung! Werden sie das nicht sagen, so wird ihnen kein Morgenrot scheinen,

Joh 17,17: Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist die Wahrheit.

1 Ths 2,13: Darum danken wir auch Gott ohne Unterlass dafür, dass ihr das Wort der göttlichen Predigt, das ihr von uns empfangen habt, nicht als Menschenwort aufgenommen habt, sondern als das, was es in Wahrheit ist, als Wort Gottes, der in euch wirkt, die ihr glaubt.

2 Tim 3,16–17: Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit,

Hbr 4,12: Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.

2 Ptr 1,20–21: Und das sollt ihr vor allem wissen, dass keine Weissagung in der Schrift aus eigener Auslegung geschieht.

 (Glaubensüberzeugungen der Siebenten-Tags-Adventisten, Nr. 1)“